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Fromm zu sein ... Gedankensplitter zum Palmsonntag

Veröffentlicht am 09.04.2017

Wenn fromm sein bedeutet, alle Gebete zu kennen und zur festgesetzten Zeit auch zu verrichten, wie man eine Arbeit verrichtet, und alle Gebote zu befolgen, dann bin ich ganz bestimmt kein frommer Mensch. Wenn fromm sein aber bedeutet, mit Gott im Gespräch und in Verbindung zu bleiben und ihm jeden Tag neu zu vertrauen, dann kann ich mit dem Wort „fromm“ durchaus etwas anfangen.

Wenn fromm sein bedeutet, ...

... den Glauben in Ritual und Ritus zu gießen und in Endgültigkeit erstarren zu lassen, dann will ich lieber nicht fromm sein. Wenn fromm sein aber bedeutet, lebendiges Wasser zu sein, das fließt, lebendig ist und lebendig macht und immer wieder neue Formen sucht, dann bin ich gerne fromm.

Wenn fromm sein bedeutet, den Glauben so zur Gewohnheit werden zu lassen, dass schon ein neues Lied, ein neues Gebetbuch oder – Gott bewahre – eine um 30 Minuten geänderte Gottesdienstzeit am Sonntagmorgen mich so sehr irritieren, dass ich nicht mehr singen, beten oder überhaupt noch da sein will, dann möchte ich lieber nicht fromm sein. Wenn fromm sein aber bedeutet, immer wieder ein neues Lied dem Herrn zu singen, dann ist es mir eine Freude, fromm zu sein.

Wenn fromm sein bedeutet, nur auf ausgetretenen Pfaden zu laufen und ich denke, wenn vom Sitz im Leben die Rede ist, es sei damit der angestammte Platz in der Kirchenbank gemeint, auf den niemand sonst sich setzen darf, weil ich schon immer hier sitze. Wenn fromm sein dagegen bedeutet, darum zu wissen, dass Worte wie „immer“ und „nie“ für jemanden, der nicht mal hundert Jahre überhaupt in dieser Welt ist, ziemlich dreiste Worte sind, und wenn ich darum wage, auch Neuland zu betreten und neue Wege zu finden für mich und meinen Glauben, dann lass mich morgen, Herr, noch ein wenig frommer sein als heute.

Wenn fromm sein bedeutet, Ewigkeit vor allem als unveränderliche, heilige Stille zu sehen und zu meinen, schon in diesem Leben vor allem das Unveränderliche suchen zu müssen, dann verzichte ich dankend darauf, in diesem Sinne fromm zu sein. Wenn fromm sein aber bedeutet, Gottes Geist als Kraft – als dynamis – zu verstehen und darum das Leben selbst in seiner Dynamik anzunehmen und darauf zu hoffen, dass alles neu und anders wird, die alte Erde und der alte Himmel vergehen, die uns in den Grenzen von Raum und Zeit gefangen halten, dann will ich gerne fromm sein und jeden Tag schauen, wo das Neue schon anfängt.

Wenn fromm sein bedeutet, vor allem danach zu streben, dass alles beim Alten bleibt und das mit dem Verweis auf die Tradition gerechtfertigt wird, wenn darum Menschengemachtes als Gottgegebenes akzeptiert wird, es darum Rede- und Denkverbote gibt, damit eben alles beim Alten bleibt, dann mache ich mir nichts daraus fromm zu sein. Wenn fromm sein aber bedeutet, manche Traditionen wie beim Polterabend die alten Teller aus Großmutters Vitrine schmerzfrei am Boden zu zerschmettern, damit Platz wird für ein neues Miteinander von Schwestern und Brüdern ohne Oben und Unten, ohne Macht und Herrschaft von wenigen über die Vielen, ohne spitzfindige Begründungen, warum das Wort mancher Getaufter mehr wiegt als das von vielen anderen oder warum es vermeintlich gute, gottgewollte Gründe gibt, dass Frauen eine andere Berufung haben müssen, dann – und nur dann – will ich gerne ein frommer Mensch sein.

Wenn fromm sein bedeutet, mit dem Glauben fertig zu sein, weil man schon alles zu wissen und alles richtig zu machen glaubt, dann betrachte ich es nicht als erstrebenswert, ein frommer Mensch zu sein. Wenn fromm sein aber im Gegenteil bedeutet, niemals fertig zu sein, weil es immer noch etwas zu entdecken gibt und ich an einen Gott glaube, der ein Gott der Überraschungen ist, wenn ich eben immer unfertig bin wie der Ton in der Hand des Töpfers, der sich von Gott formen und verändern lässt, bis es Gott selbst gefällt, sein Werk eines Tages zu vollenden, und wenn fromm sein geschmeidig sein bedeutet, formbar und flexibel, dann rühre mich an, Gott, und erfülle mich mit dem Geist der Frömmigkeit.

Wenn fromm sein bedeutet, sich das Denken zu verbieten und durch eine Form des Glauben zu ersetzen, die eine Beleidigung für das Wunder des menschlichen Verstandes ist, dann lehne ich es kategorisch ab, ein frommer Mensch zu sein. Wenn fromm sein bedeutet zu fragen wie Nikodemus, zu kämpfen wie die heidnische Frau um das Leben ihrer Tochter, zu streiten wie Stephanus vor dem Hohen Rat, kritische Fragen zu stellen wie Paulus an Petrus über dessen Umgang mit den Heidenchristen, dann finde ich fromm sein gar nicht so übel, auch wenn das vielleicht bedeutet, dass Gott mich belehren muss wie Jona, meine falschen Bilder von ihm korrigieren muss wie bei Elija, der Gott im verschwebenden Schweigen erkannte, oder mich in der Wüste suchen muss wie ein verlorenes Schaf.

Wenn fromm sein bedeutet, so zu werden wie die Pharisäer und Schriftgelehrten, von denen ich in der Bibel lese, die blind den Geboten folgen und mit Überheblichkeit, Verachtung und Hass all jenen begegnen, die nicht (mehr) in ihre Ideale passen, dann ist fromm sein nichts für mich. Wenn fromm sein aber bedeutet, Ideale wie die Sterne am Himmel sein zu lassen, die hell in der Finsternis leuchten und Orientierung geben, ich dabei gleichzeitig die Welt um mich herum aber nicht aus den Augen verliere und ich in das Gesicht eines Menschen schauen und in ihm Bruder und Schwester erkennen kann, auch wenn er gescheitert ist an diesen Idealen, weil ich verstehe, dass die Gesetze für die Menschen da sind und nicht umgekehrt, dann will ich mich bemühen, fromm zu sein.

Wenn fromm sein bedeutet, so sehr auf Gott fixiert zu sein, dass man dabei den Nächsten aus dem Auge verliert wie jener Priester und jener Levit auf dem Weg zum Tempel, die den Halbtoten am Wegesrand liegen lassen, um ihre kultische Reinheit nicht zu gefährden, dann muss ich wirklich kein frommer Mensch sein, denn wer sagt, dass er Gott liebt und gleichzeitig seinen Nächsten verachtet, der ist – sagt der Apostel Johannes – ein Lügner. Und wenn die sogenannten Frommen im Namen Gottes Kriege beginnen und Terror verüben oder in vielen anderen Formen – gleich ob offen oder verdeckt und geschickt getarnt als Ausübung von Gesetzen, die sie selbst geschrieben haben, dann will ich ihrem Kreis nicht angehören. Wenn fromm sein aber bedeutet, Gott gerade in den Mitmenschen zu erkennen und an ihnen so zu handeln, als hätte man Gott selbst etwas Gutes getan, dann will ich fromm und das heißt wach genug sein, damit ich Gott nicht übersehe, wenn er mir mitten im Alltag entgegen kommt.

Wenn fromm sein bedeutet, in die eigene Gerechtigkeit verliebt und stolz auf die eigene Leistung zu sein und sich darum für auserwählt und ganz etwas Besonderes hält, dann lehne ich es ab, fromm zu sein. Wenn fromm sein aber bedeutet, dass ich mit Gottes Hilfe zu mir selbst finde und schließlich ich selbst bin und zu mir stehen kann, auch wenn ich schwach bin und Fehler habe , dann lass mich fromm und vor allem authentisch sein.

Wenn fromm sein bedeutet, in einer Gemeinschaft zu leben, die sich vor allem gegen alle anderen definiert und nach Abgrenzung sucht, die nur perfekte Menschen in ihren Reihen duldet und nach vollkommener Reinheit strebt, dann bin ich für eine solche Gemeinschaft bestimmt nicht fromm genug. Wenn fromm sein aber bedeutet, in Gemeinschaft mit jenen zu leben, die suchen und fragen, die zweifeln und ringen, die hoffen und glauben – und es dabei nicht nötig haben, auf andere herabzuschauen, um sich selbst zu bestätigen und wichtig zu fühlen, dann bin ich in diesem Sinne vielleicht nicht perfekt, aber dennoch fromm genug, um dazuzugehören.

Wenn fromm sein bedeutet, Tempelschranken im Kopf zu errichten, die Schwestern und Brüder voneinander trennen, damit einige von ihnen gleicher sind als gleich und Exklusivrechte haben auf den Zugang zu Gott, dann will ich nicht fromm sein. Wenn fromm sein aber heißt, dass wir alle Schwestern und Brüder sind und der „Heilige Vater“ niemand ist außer dem Vater im Himmel allein, und dass jene, die besondere Verantwortung tragen, eine Haltung mit sich bringen wie das Kind, das der Herr in die Mitte seiner Jünger stellte, statt wie jene zu sein, die zwar vom Dienen zu sprechen und sich doch Exzellenzen und Eminenzen nennen lassen, und wenn fromm sein heißt, dass wir unter allen Schwestern und Brüdern ohne Unterschied nach Charismen suchen und diese sich entfalten lassen, damit Gottes Reich wächst und gedeiht, und wenn ich meine eigenen Charismen einbringen und meiner Berufung folgen kann, dann will ich gerne ein frommer Mensch sein.

Wenn fromm sein bedeutet, genau zu wissen, was Gott will und was nicht, wie die Pharisäer, die Schriftgelehrten und die Hohenpriester es für sich in Anspruch nahmen und noch heute die Gesetzestreuen, Theologen und hohen Geistlichen es für sich in Anspruch nehmen, dann ist fromm sein eher nichts für mich. Wenn fromm sein aber bedeutet, mehr Fragen zu stellen als Antworten zu geben, wenn fromm sein darum auch bedeutet, sich vor allem auf das eigene Leben zu konzentrieren und zu fragen, was Gott für mich will, statt sich ungefragt in das Leben der Mitmenschen einzumischen und sich als Experte für das Leben der Anderen aufzuspielen, und wenn ich so zum Experten für mein eigenes Leben werde und meine eigenen Wege gehe, dann will ich unbedingt fromm sein, auch wenn das heißt, das Risiko zu tragen, auf Holzwege, Irrwege und Abwege zu geraten.

Wenn fromm sein bedeutet, Gutes vor allem deshalb zu tun, weil man sich dafür eine Belohnung erhofft, und Böses vor allem darum zu lassen, weil man sich vor der Hölle fürchtet, dann gelüstet es mich nicht, fromm zu sein. Wenn fromm sein aber bedeutet, das Gute einfach darum zu tun, weil es eben Gut ist, und das Böse zu lassen, weil ich es als böse erkannt habe, wenn das Gute, das ich tue, also absichtslos und ohne Hintergedanken ist, dann möchte ich sogar gerne immer noch etwas frommer werden.

Wenn fromm sein schließlich bedeutet, sich das Leben selbst und alle Freude darin zu verbieten, weil man glaubt, Gott damit einen heiligen Dienst zu erweisen, wenn man ständig Opfer bringt und unter diesen Opfern auch angemessen leidet, dann ist fromm sein leider nichts für mich. Wenn fromm sein aber bedeutet, das Beste aus dem Leben zu machen, das Gott mir geschenkt hat, wenn es bedeutet, Auferstehung nicht erst nach diesem Leben zu erhoffen, sondern jetzt schon damit anzufangen und neu zu leben in der Freude des Evangeliums – als lebendiger Mensch zur Ehre Gottes, dann, Herr, erfülle mich mit dem Geist der wahren Frömmigkeit.

Das alles denke ich an diesem Tag, an dem Christus in Jerusalem einzog, weil schon damals die Menschen, die ihn mit Hosanna-Rufen begleiteten, nicht die Frommen jener Zeit waren, sondern vor allem die kleinen, ganz normalen Leute, dazu die Zöllner und Sünder, die Ausgestoßenen, Verlassenen und Verzweifelten. Die Frommen seiner Zeit aber, das waren jene, die schon seine Ermordung planten, weil er ihre Frömmigkeit als Scheinheiligkeit, ihre Hingabe als Heuchelei, ihre Gesetzestreue als Blindheit des Herzens, ihre Gerechtigkeit als Herzlosigkeit, ihre Treue als Erstarrung, ihr Opfer als Tauschhandel, ihren Gottesdienst als Blendwerk, ihre Bescheidenheit als Angeberei entlarvt hatte. Sie fürchteten ihn, weil er ihr Ansehen beschädigte, ihre Autorität hinterfragte, er ihre armseligen Existenzen, die kaum von den Gebetsriemen zusammengehalten wurden als solche erkennbar machte, weil er all ihre schönen Titel, ihr ganzes Gehabe und die prunkvollen Gewänder der Hohenpriester, hinter denen sie ihre Erbärmlichkeit und Kleingeistigkeit, ihr kaputtes Selbstwertgefühl und ihr Mangel an Selbstbewusstsein so gut verstecken konnten, der Lächerlichkeit preisgab. Sie konnten ihm nicht verzeihen, dass er den Menschen den direkten Zugang zu Gott eröffnete und die Menschen somit nicht mehr auf sie angewiesen waren. Sie hassten ihn dafür, dass er sie überflüssig machte in einer Welt, in der die Menschen nicht mehr übereinander richten, sondern auf den barmherzigen Vater vertrauen, in der alle Menschen Schwestern und Brüder sind mit gleicher Würde, in der jeder eingeladen und niemand ausgeschlossen wird, in dem auch der Letzte im Weinberg noch den vollen Lohn bekommt und die verlorenen Söhne wieder aufgenommen werden.

Es waren nicht die Sünder, es waren die Frommen, die Jesus an die Mächtigen der Welt übergaben, die auch nicht wollten, dass sich am Status Quo etwas änderte, und gemeinsam trieben sie ihn aus der Stadt hinaus und schlugen ihn ans Kreuz.

Seitdem bin ich vorsichtig geworden, wenn die Frommen den Ton angeben und die Richtung weisen, denn vieles, wenn nicht alles hängt davon ab, was es denn nun konkret bedeutet, fromm zu sein …

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