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Wo, bitte, geht's zur Front?

Veröffentlicht am 14.11.2017

In letzter Zeit bekommt der Papst häufiger Post. Da schreiben auf der einen Seite zunächst vier Kardinäle einen Brief, in dem sie ihre Zweifel am Kurs von Papst Franziskus anmelden, kurze Zeit später folgt ein Brief einer Gruppe von 62 Kritikern und bezichtigt den Papst darin, Irrlehren zu verbreiten. Auf der anderen Seite haben inzwischen weit über 50.000 Menschen einen Brief an den Papst (digital) unterzeichnet, um dem Papst ihre Unterstützung zu zusichern. ...

... Wenn in der Kirche gestritten wird, dann scheinen die Fronten klar verteilt: Da sind die konservativen, traditionsliebenden Katholiken auf der einen, die progressiven, reformorientierten Katholiken auf der anderen Seite und graben sich zunehmend in ihren Schützengräben ein. Dabei haben sich während des Pontifikats von Papst Franziskus die Vorzeichen gegenüber früheren Jahren vertauscht: Hatten die konservativen Kräfte bisher Oberwasser und konnten sich über Rückendeckung aus Rom freuen, so scheinen nun die progressiven Kräfte nach langer Durststrecke langsam in die Offensive zu gehen.

Das klingt jetzt alles etwas martialisch und beschwört Bilder aus dem Stellungskrieg vor hundert Jahren herauf, aber irgendwie ist es schon gerade so, dass da gerade zäh um jedes Stück Boden gerungen wird – Ausgang bisher offen. Und während die einen Papst Franziskus ein langes Leben und Gesundheit wünschen, hoffen die anderen bald auf einen neuen Nachfolger Petri, der wieder zu alten römischen Tugenden zurückfindet.

Ich habe mich immer schwer damit getan, mich bedingungslos auf die eine oder andere Seite zu schlagen. Denn die Wahl zwischen den beiden Lagern ist ungefähr so, als würde ich mir ein neues Auto kaufen und müsste mich entscheiden, ob ich entweder ein Gas- oder ein Bremspedal eingebaut haben möchte. Sympathischer wäre mir zwar das Gaspedal – wenn ich nicht mehr vorwärts komme, brauche ich auch kein Auto, doch in ein Auto ohne Bremsen möchte ich auch nicht einsteigen, weil der Fahrspaß an der nächsten Kurve enden würde. Es braucht eben beides: die bewahrende Kraft der Konservativen, die abbremst, wo es nötig ist, und die voranschreitende Kraft der Progressiven, wo die Kirche dem Leben nicht mehr vorangeht, sondern abgehängt zu werden droht (wenn genau das nicht längst geschehen ist).

Ich bin mir daher gar nicht mehr so sicher, ob die Frontlinie allein zwischen diesen beiden Begriffen verläuft, oder ob diese Front nicht viel tiefer reicht in unsere Persönlichkeitsstruktur und damit in die Psyche, in die Seele der Menschen. Eine eher zufällige Entdeckung hat mich auf diese Spur gebracht: Für ein Seminar habe ich mich mit dem Riemann-Thomann-Modell beschäftigt. Der deutsche Psychoanalytiker Fritz Riemann hat in seinem Buch „Grundformen der Angst“ die These aufgestellt, dass alle menschlichen Ängste sich auf vier Grundängste zurückführen lassen:

1)      Die Angst vor zu viel Nähe = der auf Distanz ausgerichtete Mensch

2)      Die Angst vor zu viel Distanz = der auf Nähe ausgerichtete Mensch

3)      Die Angst vor zu viel Wechsel = der Auf Dauer ausgerichtete Mensch

4)      Die Angst vor zu viel Dauer = der auf Wechsel ausgerichtete Mensch

Dem Schweizer Psychologen Christoph Thomann verdanken wir, dass in dem Modell nicht nur der Blick auf die Ängste, sondern auch auf die Stärken und Ressourcen der Menschen gelenkt werden. Denn wer (1) Angst vor zu viel Nähe hat, der strebt umgekehrt nach Unabhängigkeit und nach Freiräumen, der ist stark darin, rational zu argumentieren, ist eigenständig und entscheidungsfähig. Umgekehrt bringt derjenige, der (2) Angst vor zu viel Distanz hat, ein hohes Maß an Empathie und sozialer Kompetenz mit sich, setzt auf Vertrauen, Wärme, Menschlichkeit und zwischenmenschliche Bindungen. Der Mensch mit der Grundangst (3) vor zu viel Wechsel ist positiv betrachtet verlässlich, ordentlich, gründlich und treu, legt Wert auf die Einhaltung von Gesetzen und Normen und sucht nach Ordnung und Struktur. Und schließlich ist der Mensch mit (4) der Angst vor zu viel Dauer neugierig, lebensbejahend, kreativ, flexibel und lebt im Hier und Jetzt.

Meine Entdeckung war nun folgende: In einer Beschreibung zu den vier Ausrichtungen (Nähe-Distanz, Wechsel – Dauer) gab es auch eine Liste mit Berufen, die typischerweise zu diesen Ausrichtungen passen. Der distanzorientierte Typ geht gerne in die Wissenschaft und in Berufe, wo er eher mit Sachen, als mit Menschen zu tun hat. Umgekehrt finden wir den näheorientierten Typ in allen Berufen, wo es um die Arbeit mit Menschen geht – und dazu gehört dann auch der Geistliche. Der wechselorientierte Typ fühlt sich vor allem in kreativen Berufen zuhause, der dauerorientierte Typ dagegen in Berufen, in denen Recht und Ordnung gewährleistet sind: wird also etwa Polizist oder Staatsanwalt … oder Geistlicher.

Offenbar gibt es also zwei Grundmotivationen, einen kirchlichen Beruf zu ergreifen: Da ist der näheorientierte Geistliche, der den Beruf vor allem ausübt, um Menschen nahe zu sein und Gemeinschaft mit ihnen zu leben. Er ist Seelsorger mit Leib und Seele, macht man ihn zum Seelsorgemanager, geht er in den Burnout (oder heiratet). Ist er zusätzlich noch wechselorientiert, hat er Freude daran, neue Wege zu gehen und scheut sich nicht davor, Traditionen zu beenden, wenn sie das Leben der Gemeinschaft behindern. Und dann gibt es den dauerorientierten Geistlichen, der seinen Beruf liebt, weil er sich in der Kirche in einer Welt wiederfindet, in der alles seine (göttliche) Ordnung hat. Ist er zudem distanzorientiert, strebt er nach einer akademischen Laufbahn und hofft, seinen Platz irgendwann im Vatikan zu finden – mit möglichst vielen Büchern und möglichst wenig Menschen um sich herum.

Wer in Gedanken mal die Geistlichen in seinem Umfeld durchgeht, kann diese erstaunlich leicht dem einen oder dem anderen Typ zurechnen. Papst Benedikt XIV., ohne Frage einer der brillantesten Theologen des 20. Jahrhunderts, entspricht ziemlich genau dem rational denkenden und analysierenden, distanzorientierten Typ, der im konkreten Kontakt mit Menschen immer etwas scheu schien, eben lieber auf Distanz blieb. Und immer wieder betonte er die von Gott vorgegebene, unveränderliche Ordnung, nach der sich alle Welt ausrichten muss. Ganz anders klingt da Papst Franziskus, der die Nähe der Menschen sucht, dem im Zweifelsfall die Menschen wichtiger sind als die Durchsetzung von Normen und Vorschriften. Und es ist nicht verwunderlich, dass dieser für Nähe und Wechsel stehende Papst alle Alarmglocken bei seinen auf Distanz und Dauer ausgerichteten Kritikern läuten lässt, wenn er etwa beim Weltjugendtag den jungen Christen zuruft, dass er sich ein „kreatives Chaos“ für die Kirche wünscht.

Je nachdem, wie wir selbst ticken und wo wir uns auf den Achsen von Nähe – Distanz und Wechsel – Dauer verorten, welche Stärken wir in uns tragen und welche Ängste uns womöglich blockieren, wird uns die eine oder andere Seite sympathisch sein, während wir die andere Seite ablehnen.

Wenn ich nun noch bedenke, welche unheimliche Macht gerade Ängste in unserem Leben gewinnen können, dann wird es leichter zu verstehen, warum die Auseinandersetzungen innerhalb der Kirche – immerhin unter Schwestern und Brüdern – oft mit solcher Verbissenheit und mit einem hohen Maß an Aggressivität geführt werden.

Die einen fürchten sich davor, sich in einer turbulenten und chaotischen Welt wiederzufinden, in der es keine Gewissheiten, keine echte Orientierung mehr gibt. Sie fürchten die Zerstörung von Tradition und Ordnung und fürchten das Neue, das sich dahinter auftut.

Die anderen aber fürchten, in Gesetzen und Normen zu ersticken, keine Freiheit mehr zu finden, in der kreatives Handeln möglich wird. Sie fürchten den Verlust von Gemeinschaft, von Lebendigkeit und Mitmenschlichkeit, wo das Scheitern an den großen Idealen nicht Verständnis nach sich zieht, sondern drakonische Strafen.

Wenn es aber letztlich die Ängste sind, die uns in die Schützengräben und gegeneinander treiben, wenn hier die eigentlichen Frontlinien verlaufen, dann hilft am Ende nur die Rückbesinnung darauf, dass Gott uns Menschen stets mit dem Wort „Fürchte dich nicht!“ entgegengekommen ist, wie wir es auch im ersten Brief des Apostels Johannes (4. Kapitel) zusammengefasst finden:

Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm.

Darin ist unter uns die Liebe vollendet, dass wir am Tag des Gerichts Zuversicht haben. Denn wie er, so sind auch wir in dieser Welt.

Furcht gibt es in der Liebe nicht, sondern die vollkommene Liebe vertreibt die Furcht. Denn die Furcht rechnet mit Strafe, und wer sich fürchtet, dessen Liebe ist nicht vollendet.

Wir wollen lieben, weil er uns zuerst geliebt hat.

Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott!, aber seinen Bruder oder seine Schwester hasst, ist er ein Lügner. Denn wer seinen Bruder und seine Schwester nicht liebt, die er sieht, kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht.

Und dieses Gebot haben wir von ihm: Wer Gott liebt, soll auch seinen Bruder und seine Schwester lieben.

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