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(K)ein Gebet um geistliche Berufe

Veröffentlicht am 28.05.2017

Kurz vor der Priesterweihe stand eine gemeinsame Exkursion nach Aachen zum Sitz der großen kirchlichen Hilfswerke (Missio, Misereor, Renovabis) auf dem Programm. Dort berichtete einer der Verantwortlichen von folgendem Erlebnis in einem Bistum in Afrika:

„Wir hatten dort – getragen von Spenden aus Deutschland – Katechisten ausgebildet. [= Männer und Frauen, die in Regionen, wo es zu wenige Priester gibt, mit den Gemeinden Wortgottesdienste feiern, Kinder auf die Erstkommunion, Jugendliche auf die Firmung vorbereiten, beerdigen …] Bei der Aussendungsfeier für eine solche Gruppe habe ich den Bischof gefragt, was er denn machen würde, wenn er auf einen Schlag alle fehlenden Priester bekommen würde. Der Bischof gab mir zur Antwort, ...

... das wäre wunderbar, dann könne er alle Katechisten wieder entlassen. Da habe ich ihm gesagt: ‚Herr Bischof, dann werde ich von jetzt ab jeden Tag darum beten, dass Sie keine Priester bekommen!‘ Da war er ziemlich sprachlos.“

Nicht nur in Afrika, auch in unseren Breiten wird in den letzten Jahren innerhalb der katholischen Kirche verstärkt darüber diskutiert, den sogenannten Laien mehr Kompetenzen zu übertragen. Das ist eine gute Sache – wenn sie denn mit der richtigen Haltung durchgeführt wird, wenn also diese Christgläubigen nicht nur als Lückenbüßer für fehlende Priester und Krücken für eine lahmende Klerus-Kirche dienen, sondern im Volk Gottes endlich mit frohem Herzen der gewaltige Schatz der Charismen gehoben wird, der dort schlummert.

Zweifel sind jedoch leider angebracht. Als erste Bistümer in Deutschland auch Pastoral- und Gemeindereferent/innen beauftragt wurden, kirchliche Begräbnisfeiern durchzuführen und im Bistum Fulda die Frage gestellt wurde, ob das denn hier auch vorgesehen sei, wurde geantwortet, so weit sei man hier zum Glück noch nicht. Mit anderen Worten: Der Einsatz von Laien ist ein Unglück, das man so lange wie möglich vermeiden möchte. Und wenn dann ein Bischof sich in einer Predigt noch zu der absoluten Aussage versteigt, nur ein Priester könne Menschen zu Christus führen (Dem Gemeindereferenten neben mir ist bei diesem Satz fast der Kragen geplatzt – zu Recht!), dann wird deutlich, dass der Weg zu einer wirklich charismenorientierten Kirche nur mit Widerwillen und zögerlich beschritten wird.

Der bekannte Psychologe Manfred Lütz hat in einem vielbeachteten Buch die Kirche mit Gulliver verglichen, der im Lande Liliput gefesselt am Boden liegt und nicht mehr aufstehen kann, obwohl es ihm eigentlich ein Leichtes sein müsste. Was den Riesen blockiert, meint Lütz, das sind die vielen Themen, an denen sich die Kirche ergebnislos abarbeitet (zum Beispiel Zölibat, Verhütung, … die üblichen Verdächtigen eben). Ich frage mich mittlerweile, ob das Volk Gottes nicht vielmehr deshalb am gefesselt und blockiert ist, weil es gar kein echtes Interesse daran gibt, dass der Riese aufsteht – denn dann würde ja jegliche Kontrolle verloren gehen. Der Riese könnte merken, dass er über genügend Ressourcen verfügt, um alleine durch die Welt zu gehen.

Heute, am Sonntag zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingsten, berichtet uns die Apostelgeschichte von der Nachwahl des Apostels Matthias. Als sich die junge Kirche formiert, geht es darum, dass sich in den Gemeinden und über die Gemeinden hinaus im Gottesvolk Strukturen ausbilden, die helfen sollen, den Auftrag Christi zu erfüllen, das Evangelium allen Geschöpfen zu verkünden und dort, wo die frohe Botschaft angekommen ist, diese anschließend treu zu bewahren. Im Dienst dieses Auftrags bilden sich Gemeinden und bilden sich über die Zeit auch Dienst-Ämter aus.

Natürlich ist durch alle Zeiten hindurch betont worden, dass diese Dienste der Apostel, Bischöfe, Priester, Diakone, Lehrer etc. vor allem genau das sind: Dienste. Und doch ist im Laufe der Jahrhunderte daraus auch eine Machtfrage geworden. Vielleicht hat es mit der Konstantinischen Wende angefangen, als die Diener der Kirche alsbald begannen, sich mit den Insignien kaiserlicher, also weltlicher Macht zu schmücken, vielleicht hat sich diese Entwicklung später noch weiter verschärft, als im Standesdenken und Standesdünkel des Mittelalters das natürliche Miteinander der verschiedenen Dienste unter dem einen Herrn immer mehr einer merkwürdigen Trennung zwischen dem Klerus auf der einen und den Laien auf der anderen Seite. Wer die Marienkirche in Gelnhausen besucht, kann im Lettner sehen, wie diese Trennung des Gottesvolkes buchstäblich in Stein gehauen wurde.

Klammer auf: Wörtlich übersetzt aus dem Griechischen bedeutet das Wort Klerus: „Scherbe“ im Sinne eines Loses, auf dem der Name eines Kandidaten stand – entsprechend wird Matthias per Los zum Apostel „gewählt“, später ändert der Begriff im Lateinischen seine Bedeutung zu „auserwählter Stand“. Das Wort Laie leitet sich aus dem griechischen Wort für „Volk“ ab – dass dieses Wort im allgemeinen Sprachgebrauch eine eher negative Bedeutung angenommen hat und nach mangelnder Bildung und fehlende Kenntnisse klingt, lässt tief blicken. Klammer zu.

Zum Glück hat sich schon viel getan, um diese unsinnige Spaltung des Gottesvolkes zu überwinden und wieder zu einer Gemeinschaft zu finden, in der es viele Charismen gibt, aber nur den einen Geist, viele Dienste, aber nur einen Herrn, viele Kräfte, aber nur den einen Gott, wie Paulus schreibt (1. Korintherbrief, 12. Kapitel). An gleicher Stelle greift Paulus auch im Blick auf das Gottesvolk das Bild vom Leib auf, der verschiedene Glieder hat, die alle zusammenspielen und bei dem keines mehr wert ist als die anderen. Aber es liegt noch eine gute Wegstrecke vor uns, damit nach dem Abbruch der steinernen Schranken auch die unsichtbaren Schranken in den Köpfen fallen und der Weg frei wird zu einer Kirche, die sich befreit und in der Vielfalt der Charismen ihre wahre Stärke zeigt als Gemeinschaft, in der es nur den einen Herrn gibt, alle anderen aber Schwestern und Brüder sind.

Warum wird dieser Weg nur – wie eingangs geschildert – oft nur so widerwillig beschritten statt mit Zuversicht und Freude? Warum muss um jeden kleinen Fortschritt gerungen und gekämpft werden, warum gibt es diesen Geiz im Anvertrauen von Verantwortung und diese Angst vor dem Loslassen? Warum darf der Riese sich nicht erheben und seine Kräfte entfalten? Ist es womöglich schon zu spät – sind die Muskeln schon so geschwächt?

Mir fällt dazu die Geschichte von den indischen Elefanten ein: Wer in eines jener Länder Asiens kommt, in denen man Elefanten als Arbeitstiere nutzt, der wird sich vielleicht wundern, wenn er sieht, wie diese Tiere mit doch recht dünnen Ketten an einfache Holzpflöcke angebunden sind. Die Kraft der tonnenschweren Tiere müsste, so scheint es, locker ausreichen, um die Ketten zu zerreißen oder den Pflock aus dem Boden zu ziehen. Warum tun sie es nicht? Die Antwort: Die Elefanten sind in sehr jungen Jahren schon angebunden worden. Als sie klein waren, reichte ihre Kraft tatsächlich nicht aus, um sich loszureißen. Und nach vielen vergeblichen Versuchen haben sie es aufgegeben. Die Erfahrung hat sie gelehrt: Es geht nicht. Es muss erst einer kommen und mich losmachen, damit ich laufen kann.

Das Volk Gottes hat sich über viele Jahrhunderte an die bestehenden Verhältnisse gewöhnt. Darum entfaltet es seine Charismen noch zu oft nur dann, wenn es ihm „von oben“ zugestanden wird. Klerus und Laien, Regierung und Volk, Herrschende und Beherrschte, Elite und Masse, Profis und Amateure, Leistungsport und Breitensport – an vielen Stellen, nicht nur in der Kirche begegnen uns solche Ordnungspaare, die auch immer wieder für ähnliche Spannungen sorgen, die sich im schlimmsten Fall vom sich gegenseitig ergänzenden und bereichernden Miteinander zum Gegeneinander auswachsen können. Wenn die Regierenden in einer Gesellschaft den Kontakt zur Lebenswelt der Menschen verlieren, regt sich früher oder später revolutionärer Geist. Und auch im Gottesvolk müssen die Hirten aufpassen, dass ihnen das Volk nicht abhandenkommt (und das nicht nur durch Kirchenaustritte).

Es braucht Mut und Vertrauen, damit es nicht so weit kommt: Mut, Kontrolle abzugeben  und Vertrauen in den Geist, der in allen Gläubigen wirkt und dafür nicht erst eine kirchliche Genehmigung braucht.

Ich würde vielleicht nicht so weit gehen wie der Referent des kirchlichen Hilfswerkes und das Gebet um Berufungen komplett verweigern, denn natürlich braucht die Kirche auch Priester – doch sie braucht noch viel mehr. Darum würde ich das Gebet gerne ausweiten.

Herr,
Du bist der Weg, die Wahrheit und das Leben,
Du hast uns zur Gemeinschaft in Deinem Namen berufen
und uns den Geist geschenkt, der uns Einheit schenkt
und uns zu Schwestern und Brüdern macht.
Du hast uns in diese Welt gesandt
um in Deinem Auftrag das Reich Gottes sichtbar zu machen.
Nimm von uns, Herr, die Verzagtheit, die uns gefangen hält,
und schenke uns den Geist des Mutes,
damit wir neue Wege gehen und alte Hindernisse überwinden.
Nimm von uns, Herr, die Schwäche, die uns lähmt,
und schenke uns den Geist der Stärke,
damit wir wirksam werden für das Heil der Welt.
Nimm von uns, Herr, die Gewohnheit,
die uns müde macht, und schenke uns den Geist der Freude,
damit wir Zuversicht ausstrahlen und unsere Begeisterung andere ansteckt.
Rufe Menschen in Deinen Dienst, Herr,
und zeige ihnen, wo ihre Charismen gebraucht werden.
Mache Deine Kirche zu einem lebendigen Volk,
in dem Charismen wachsen und sich entfalten können,
nicht wie es unseren Vorstellungen und Traditionen,
sondern wie es Deinem Willen entspricht,
nicht in der Enge von Brauch und Schablone,
sondern in der Weite und Freiheit des Geistes,
nicht nach unserer Vorstellung und in den Grenzen unserer Phantasie,
sondern immer wieder überraschend neu und anders.
Rufe Männer und Frauen, die in bereichernder Verschiedenheit Wege zu Dir zeigen,
rufe Junge und Alte, damit Unbeschwertheit und Erfahrung die Kirche bereichern,
rufe und gib den Mut zum Hören,
rufe und gib den Mut zur Antwort,
rufe und gib den Mut zur Nachfolge.
Mach Deine Kirche zum Raum,
in dem wir miteinander hören,
in dem wir gemeinsam nach Antworten suchen,
in dem wir in Gemeinschaft Nachfolge leben.
Darum bitten wir, vereint in Dir als Schwestern und Brüder, Dich,
der Du lebst und wirkst in der Macht der Liebe in Ewigkeit.

Amen.

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