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Kirmes! oder: Die Kirche ist ein Wasserwerk

Veröffentlicht am 06.11.2016

Der 09. November ist im kirchlichen Kalender dem Weihetag der Lateranbasilika in Rom gewidmet. Diese eigentliche Bischofskirche von Rom trägt den Titel „Mutter und Haupt aller Kirchen auf dem Erdkreis“. Daher bietet dieser Termin auch allen Kirchengemeinden die Möglichkeit, an diesem Tag selbst Kirchweih/Kirmes/Kerb zu feiern, wenn der eigentliche Weihetag nicht bekannt ist oder aus anderen Gründen am betreffenden Tag nicht gefeiert werden kann. In Wüstensachsen, wo ich aufgewachsen bin, findet entsprechend immer Anfang November die Kirmes statt mit Tanz um den Kirmesbaum und allem, was sonst so dazugehört.

Vor zwei Jahren war dieser Sonntag mit dem Fest des Weihetags der Lateranbasilika für mich aus persönlichen Gründen auch ein ganz besonderer Tag: Zwei Wochen vorher hatte der Personalreferent des Bistums den Gemeinden in Meerholz-Hailer und Gründau meinen Abschied verkündet.

Nach einigen Tagen des Abtauchens hatte sich nach zwei Wochen der Rummel um meine Entscheidung soweit gelegt, dass ich bereit war, wieder den Weg in den Sonntagsgottesdienst anzutreten – zum ersten Mal seit meiner Weihe (und eigentlich seit meines Eintritts ins Priesterseminar) als Mitglied des Kirchenvolks ohne besondere Funktion.

Die Predigt dieses Tages ist mir in besonderer Erinnerung geblieben. Als Lesungstext hatte der Geistliche die Vision von Ezechiel gewählt: Ezechiel sieht, wie aus dem Allerheiligsten des Tempels ein kleines Rinnsal Wasser hervorfließt. Er folgt dem Wasser und misst immer wieder seine Breite und seine Tiefe. Aus dem Rinnsal wird schließlich ein mächtiger Fluss von lebendigem Wasser, das in die Wüste hinabfließt, das trockene Land zum Garten werden lässt und sogar die salzigen Wasser des Toten Meeres heilt. Von diesem Text ausgehend deutete der Geistliche das kirchliche Leben in unserer Zeit. Angesichts sich leerender Kirchen und eines schrumpfenden Gottesvolkes sei man ja immer in Gefahr, den Mut zu verlieren und in Depression zu verfallen. Doch gerade dieser Text aus dem Buch Ezechiel sei für ihn eine starke Ermutigung, da er zeige, wie Gott selbst in seinem Handeln möglich macht, wo menschliche Kraft versagt. Gottes Gnade, so der Geistliche, sei ein solcher Strom, der auch die entferntesten Winkel und die abgestorbenen Bereiche der menschlichen Existenz erreiche und dort selbst vom Tod nicht aufgehalten werden kann. Mir fiel dazu das Bibelwort aus dem Hohelied der Liebe ein: „Stark wie der Tod ist die Liebe – auch mächtige Wasser können Sie nicht löschen!“ Und auch mein Primizspruch aus dem Buch Jesaja stand mir vor Augen: „Ihr werdet Wasser schöpfen voll Freude aus den Quellen des Heils.“

Eine gute Predigt - doch manche Erfahrungen lassen mich auch fragen: Haben diese guten Worte auch die Kraft, sich außerhalb des geschützten Raumes der Kirche zu entfalten? Oder blühen diese Worte nur in einem eng begrenzten, nach außen abgeschlossenen Raum und verdorren in bdem Augenblick, wenn sie der klaren, kalten Luft der Realität ausgesetzt werden? Die Worte des Evangeliums drohen hohl zu werden, wenn es ihnen an innerer Lebendigkeit und damit an Liebe fehlt. Schon Paulus wusste: Wenn ich alles könnte, hätte aber keine Liebe in mir, dann wäre ich – sinngemäß – nur ein leerer Blecheimer und eine scheppernde Tonne.

Vielleicht erinnert sich der Eine oder Andere an den Spruch: „Christus verkündete das Reich Gottes und gekommen ist die Kirche.“ Darin steckt ein wahrer Kern – denn die Kirche bleibt als Hilfskonstrukt auf dem Weg zum eigentlichen Ziel immer etwas Vorläufiges und Unvollendetes. Sie krankt an menschlicher Begrenztheit und immer wieder auch an Herzen, die sich verhärten und so hinter dem Anspruch von Gottes Barmherzigkeit weit zurückfallen. Um im Bild von Ezechiel und der Predigt zu bleiben: Wenn Gottes Liebe ein Fluss ist, der aus Gottes Herzensmitte selbst entspringt, dann ist die Kirche ein Wasserwerk, das über der Quelle errichtet wurde.

Wichtig ist mir an diesem Punkt, nicht allein das Negative zu sehen und vom Defizit her zu denken – was sich ja zunächst aufzudrängen scheint, sondern vielmehr das Positive dieses Bildes wahrzunehmen. Denn manche Menschen sind ja heute der Meinung, dass die Kirche an sich überflüssig geworden ist – auch der Spruch über das Verhältnis von Reich Gottes und Kirche impliziert das ein Stück weit. Doch wer das sagt, verkennt oder ignoriert auch die Bedeutung der Kirche: Wir haben die Evangelien ja nicht zufällig unter irgendeinem Busch gefunden – die Evangelien sind schon in Gemeinden entstanden und damit Teil der kirchlichen Tradition, und der Glaube selbst ist ohne Gemeinschaft nicht denkbar. Denn Christus selbst wollte eine Gemeinschaft der Glaubenden als einen lebendigen Leib mit vielen Gliedern. Dass die Kirche in ihrer konkreten Ausgestaltung hinter diesem Anspruch immer wieder zurückbleibt, ändert nichts an der Tatsache, dass der Glaube an die Gemeinschaft der Kirche zum innersten Kern des Glaubens gehört und nicht umsonst die Kirche deshalb ihren Platz im Glaubensbekenntnis hat.

Zurück zum Bild der Kirche als Wasserwerk: Aufgabe dieses Wasserwerkes ist, das Wasser zu den Menschen zu bringen. Eine zweifache Sorge zeichnet die Angestellten dieses Wasserwerkes aus: Die Sorge, dass das Wasser auch den letzten Winkel und den letzten Dürstenden erreicht, auf der einen Seite und die Sorge, dass das Wasser bewahrt wird vor Verunreinigung, auf der anderen Seite.

Die Frage ist natürlich, was kann denn das Wasser überhaupt verunreinigen? Im Wasserwerk der Kirche scheint es bei der Beantwortung dieser Frage immer wieder zu einem grundlegenden Missverständnis zu kommen, wenn der Endverbraucher als Verursacher für die Verschmutzung des Wassers gesehen wird. Und dann wird schon mal der Hahn zugedreht mit dem Verweis darauf, dass man es nicht zulassen darf, dass das Wasser durch Kontakt mit dem Schmutz der Sünde kontaminiert wird. Duschen darf in dieser Logik also nur, wer schon sauber ist. Derjenige, der einmal im Leben so richtig im Dreck gelandet ist und jetzt von Kopf bis Fuß besudelt dasteht, hat also schlechte Karten. Er ist zu schmutzig, um sich reinigen zu dürfen. Klingt komisch, liebe Kinder – ist aber so.

Mal abgesehen davon, dass Gott sehr gut auf sich selbst aufpassen kann und keine Menschen als selbsternannte Beschützer braucht, wird das Wasser der Liebe Gottes nicht durch jene verunreinigt, die sich darin baden und davon trinken wollen. Es gibt nur eine Gefahr – dass nämlich das Wasser schal, abgestanden und brackig wird, wenn es in veralteten Rohren zurückgehalten wird, wenn es nicht fließen kann, weil Ventile verklemmt und Hähne abgeschraubt sind. Wenn also Verantwortliche in der Kirche viel Zeit und Mühe darauf verwenden, andere Christen vom Wasser fernzuhalten, sind sie es selbst, die dem Wasser den größten Schaden zufügen. Schon Paulus hatte Angst, das genau das geschehen könnte, als er von den Gemeinden forderte: „Löscht den Geist nicht aus!“

Zum Glück ist Gott letzten Endes nicht von der Arbeit dieser kleinlichen Klempner abhängig. Er nutzt die Rohre der Kirche, doch er kann auch ohne sie an immer neuen Orten in dieser Welt frische Quellen hervorbrechen lassen. Denn Gottes Gnade ist nicht an die Begrenztheit menschlicher Vorstellungen von Gerechtigkeit und Verdienst gebunden. Die Gnade Gottes ist nicht von jener herablassenden Qualität, mit der sie in der Kirche bisweilen gewährt oder verweigert wird, sie ist heilende Zuwendung zum Menschen, Begegnung auf Augenhöhe, herzliche Umarmung und Geborgenheit in den Armen des barmherzigen Vaters.

Wer Kirchweih/Kirmes/Kerb feiert, feiert nicht das Wasserwerk und seine Angestellten, er feiert auch nicht ein steinernes Gebäude von Menschenhand, wer Kirchweih/Kirmes/Kerb feiert, freut sich über jeden Ort und jeden Menschen, in dem diese Liebe Gottes in dieser Welt sichtbar wird. Und von denen gibt es zum Glück auch in der Kirche sehr vielr - und damit allen Grund zum Feiern!

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