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Pro-·vo-ka-ti-on, die [Substantiv, feminin]

Veröffentlicht am 01.04.2018

„Herausforderung, durch die jemand zu [unbedachten]Handlungen veranlasst wird oder werden soll“

Während ich am Schreibtisch sitze, läuten von der nahen Kirche die Glocken zum Gloria der Osternacht. Vermutlich ist für manche Menschen dieses christliche Getöse am frühen Morgen, das von der Freude über die Auferstehung Christi kündet, reine Provokation. „Muss das denn sein? Können die mich nicht einfach in Ruhe schlafen lassen?“

Provokationen sind Herausforderungen, bisweilen erscheinen sie anderen als Anmaßung, Dreistigkeit oder Frechheit. Provokationen sind mitunter unerhört und unerträglich. Ja, Provokationen sind im ursprünglichen, durchaus militärischen Sinne des Wortes eine Kampfansage. „Komm nur – du machst mir keine Angst! Dich mach ich fertig!“ Die Glocken des Ostermorgens sind eine Kampfansage an den Tod und die Vergänglichkeit der Welt. Sie sind auch eine Kampfansage an vermeintliche Sinn- und Perspektivlosigkeit des Lebens. Sie sind eine Kampfansage an alle zerstörerischen und lebensfeindlichen Kräfte. Sie sind die Kampfansage der Wahrheit an das Böse. Das kann und das darf dann auch mal den Schlaf rauben.

Gleichzeitig sehen sich Christen selbst in diesen österlichen Tagen einer dreifachen Provokation gegenüber, mit der sie sich jenseits der festlichen Gottesdienste und ihren teils jahrhundertealten Ritualen im Alltag auseinandersetzen müssen.

Die erste Provokation ist die des Gründonnerstags. In der Stunde, in der Jesus seine Jünger zum Mahl ruft, stellt er mit der Fußwaschung zugleich die geltende Ordnung auf den Kopf, wenn er, der Herr und Meister, den Jüngern die Füße wäscht wie der geringste Sklave. Nicht nur für Petrus ist das eine ungeheuerliche Provokation, eben eine Herausforderung, die die Jünger selbst zu einem neuen Tun und einem neuen Umgang miteinander veranlassen soll. Wenn Jesus seinen Jüngern in dienender Haltung begegnet, dann sollen sie das untereinander auch tun. Das ist eine Kampfansage an alle Vorstellungen von weltlicher Macht und Größe. „Ihr alle seid Schwestern und Brüder.“ Das hatte Jesus ihnen schon früher gesagt, er hatte ein Kind in ihre Mitte gestellt und sie daran erinnert, dass sie selbst nicht nach Größe und Überlegenheit streben, sondern ein Leben im liebevollen Dienst an den Nächsten führen sollten. Doch noch beim letzten Abendmahl entsteht ein Streit unter den Jüngern, wer von ihnen der Größte ist. Nichts verstanden?!

Was Jesus beim letzten Abendmahl tut, bleibt auch heute für seine Jünger Provokation. Denn seine Jünger bleiben in der Versuchung, sich mit den Insignien weltlicher Macht zu schmücken. Die Diskussion um die luxuriöse Ausstattung des Limburger Bischofssitzes fällt da schnell wieder ein. Die Herausforderung Christi an seine Jünger geht natürlich noch viel weiter. Die Jünger sollen sich ganz grundsätzlich von jeder Form der Herrschaft über ihre Schwestern und Brüder verabschieden und so leben, dass unter allen Getauften die gleiche Würde der Kinder Gottes sichtbar wird. Aber gibt es nicht im Volk Gottes nach wie vor die Trennung zwischen Klerus (= auserwählter Stand) und Laien (= dem Volk angehörig), lassen sich nicht immer noch einige der Jünger gerne als „Exzellenzen“ (= vortrefflich) oder „Eminenzen“ (= herausragend) anreden, gibt es nicht ein Oben und Unten im Volk Gottes, in dem klar geregelt ist, wer das Sagen hat, und gibt es nicht letzten Endes noch immer eine Unterscheidung zwischen Männern und Frauen, über die die frühere irische Präsidentin kürzlich sagte, diese Unterscheidung sei nicht anderes als „als Theologie getarnter Frauenhass“?

Die zweite Provokation ist die des Karfreitags. Denn das Kreuz, das Zeichen des Leidens des Herrn, das an diesem Tag verehrt wird, war nicht nur in der Zeit des Apostels Paulus für die Heiden ein Zeichen der Dummheit und für seine jüdischen Schwestern und Brüder ein empörendes Ärgernis. Das Kreuz bleibt sperrig. Die Jünger Jesu sind, von wenigen Ausnahmen abgesehen, vor diesem Zeichen geflüchtet und fast wäre ihre Gemeinschaft daran zerbrochen. Denn hatte Jesus beim Abendmahl mit der Fußwaschung ihren Vorstellungen von ihrer eigenen Exzellenz und Eminenz im künftigen Volk Gottes den Boden entzogen, so gerät am Karfreitag das Gottesbild selbst ins Wanken. Das Kreuz ist radikal, die brutalste Form der Zusage, dass Gott in jedem Leid dieser Welt anzutreffen ist. Das Kreuz ist universal, es zeigt die Grenzenlosigkeit der Liebe Gottes, die nicht für ein einzelnes auserwähltes Volk reserviert ist, sondern für die ganze Welt und für alle Menschen offensteht. Am Kreuz zerbrechen religiöse Gewissheiten, am Kreuz scheitert jede Gleichgültigkeit gegenüber menschlichem Leid.

Diese Provokation reicht auch in unsere Zeit und in aktuelle Debatten hinein. Denn es ist nicht das bloße Vorhandensein von Kirchen und das Läuten der Glocken, die der Welt eine christliche Prägung geben. Denn auch die großartigsten Kirchengebäude bleiben seelenlose Hüllen, verkommen zum Museum oder zur Touristenattraktion, wenn nicht Menschen diese Kirchen als besondere Orte der Gegenwart Gottes aufsuchen, um darin gemeinsam zu feiern, was sie außerhalb der heiligen Mauern im Alltag leben. Wie der barmherzige Samariter dort draußen auf den Straßen nicht an der Not dessen vorübergehen kann, der unter die Räuber gefallen ist, so kann der Christ nach der Feier des Leidens Christi nicht gleichgültig bleiben angesichts der Not der Mitmenschen, kann nicht gleichgültig bleiben angesichts von Krieg und Gewalt. Angesichts der Universalität des Kreuzes und damit des menschlichen Leids können Christen auch nicht wählen, wo, wann und wem sie helfen wollen und wem sie diese Hilfe lieber verweigern. Das Kreuz Christi ist die Herausforderung Gottes an die Jünger Christi, solidarisch zu handeln – grenzenlos in der größten denkbaren Liebe, denn es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben hingibt für seine Freunde.

Die dritte und letzte Provokation ist die des leeren Grabes am Ostermorgen. Ist es nicht bezeichnend, dass wir Christen als Zeichen unseres Glaubens das Kreuz gewählt haben, obwohl wir doch im Kern unseres Glaubens die Auferstehung und das Leben feiern? Sicher, durch die Auferstehung erst wird das Zeichen des Kreuzes zum Zeichen der Hoffnung – und doch beginnt der Ostertag mit einem leeren Grab, einer leeren Stelle, einem Platzhalter, der erst noch gefüllt werden muss. Wenn Christen die Auferstehung verkünden, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als auf diese leere Stelle zu verweisen. Wo die Welt auf Fülle setzt, verweisen die Jünger Christi auf die Leere, in die der Glaube erst noch hineinwachsen will. Furcht und Entsetzen packt die Jünger, der Erschütterung der Welt in der Todesstunde Jesu am Kreuz folgt das Beben der Auferstehung der Osternacht, das felsenfeste Überzeugungen und die Gräber vermeintlicher Gewissheiten sprengt. Der Mensch, der auf diese Leere trifft, steht vor dem großen Abgrund zwischen diesem Leben und dem künftigen, zwischen dem alten Himmel und der alten Erde und dem neuen Himmel und der neuen Erde. Über diesen Abgrund will der Sprung des Glaubens gewagt werden. Vielleicht war dieser Sprung früher weniger sichtbar, als Christen in volkskirchlichen Zeiten mit dem Glauben großgeworden sind und das Hinterfragen dieses Glaubens ungewohnt, Zweifeln nicht gestattet war. An der Hilflosigkeit der Jünger am Ostermorgen, am Entsetzen, das sie ergreift, lässt sich diese ursprüngliche Erschütterung ablesen. Am Nicht-Erkennen des Auferstandenen von Maria Magdalena, am langen Weg der Emmaus-Jünger mit dem Unbekannten, der doch so vertraut scheint, und nicht zuletzt an Thomas, dem das Glauben so schwer fällt, dem es nicht gelingt, die Brücke zu schlagen vom Menschen Jesus von Nazareth über das Kreuz auf Golgota und das leere Grab hin zum Auferstandenen, lassen sich die Grunderfahrungen von Menschen ablesen, die auf der Suche nach der großen Wahrheit sind und darum ringen, dass der Glaube in ihnen möglich wird.

Die dreifache Provokation der Kar- und Ostertage bleibt für Christen eine Herausforderung, die Welt zu verändern und bei sich selbst anzufangen. Die vertrauten Rituale und Symbole dieser Tage sollen diese dreifache Provokation nicht lindern oder übertünchen, sondern haben eine heilende Funktion. In der Medizin bedeutet der Begriff „Provokation“ das gezielte Hervorrufen von Krankheitssymptomen, um eine Diagnose stellen zu können – also wie man bei einem Allergietest gezielt Reizstoffe auf der Haut aufbringt, um die Art der Allergie genau zu bestimmen.

Die Provokation des Gründonnerstags nimmt mit der Fußwaschung in Verbindung mit dem Abendmahl das innerkirchliche Leben in den Blick. Christus fragt uns: Sind wir schon die Gemeinschaft aus Kindern Gottes, mit gleicher Würde ausgestattet, geprägt vom Dienst aneinander, dass der Rest der Welt sagen kann: „Seht, wie sie einander lieben?“

Die Provokation des Karfreitag fragt im Blick auf das Kreuz: Sind wir als Christen bereit, das Leid in der Welt und das Böse selbst mit offenen Augen zu erkennen, in den Leidenden immer Christus selbst zu sehen und mit der Kraft der Liebe dieses Leid zu lindern und das Böse zu besiegen?

Und die Provokation des Ostertages lässt uns wie die Jünger immer wieder am leeren Grab stehen und damit an den offenen Fragen des Lebens selbst nach dem Ziel und dem Sinn hinter allem und fragt uns: Sind wir als Christen bereit, immer wieder neu den Schritt in die drohende Leere, den Sprung des Glaubens zu wagen und in der Kraft unseres eigenen Glaubens an den Gott des Lebens auch andere einzuladen, den gleichen Schritt, den gleichen Sprung zu wagen?

Die Antwort des Ostertages auf diese heilsamen Provokationen besteht nun gerade nicht in einem verzagten Festhalten an alten Hierarchien und Verhaltensmustern, nicht in einem Rückzug in eine heile kleine Welt fernab von jedem Leid und den drängenden Fragen der Zeit, nicht in einem ängstlichen „Vielleicht …“. Die Antwort des Ostertages – das ist das dreifache Halleluja, der Jubelruf der Erlösten. In diesem Ruf bekennt die Christenheit voller Freude, dass sie die Herausforderung des Herrn annimmt, sich selbst und diese Welt zu verwandeln hin zum neuen Leben. Dieser Ruf ist Absage an die Dunkelheit, an die Verzweiflung, die Angst und den Tod. Dieser Ruf ist das Ja zum Licht, zur Wahrheit und zum Leben. Dieser Ruf ist selbst wieder Herausforderung an die Welt: „Seht, hier ist das neue Volk Gottes, das im Geist des Herrn das Angesicht der Welt verändern wird!“

Halleluja – Christus ist auferstanden!

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