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Stützräder

Veröffentlicht am 30.04.2017

Als ich ein kleiner Junge war, bekam ich mein erstes Fahrrad. Es war feuerrot, die Schläuche hatten weiße Streifen und die Griffe am Lenker waren rechts grün und links rot. Ich habe es geliebt. Meine ersten Fahrten habe ich – wie wohl die meisten Kinder – zunächst mit Stützrädern am Hinterrad gemacht. Insofern war mein Zweirad am Anfang also eher ein Vier-Rad. Nach recht kurzer Zeit hatte ich mein Gefährt ganz gut im Griff und machte zusammen mit Freunden die Straßen von Wüstensachsen unsicher. Irgendwann fand mein Vater wohl, dass es an der Zeit war, die Stützräder langsam weg zu lassen und richtig Fahrrad zu fahren, daher …

… griff er zum Schraubenschlüssel und stellte die Stützräder etwas höher ein, sodass sie nun beim Geradeausfahren den Boden nicht mehr berührten, sondern frei in der Luft hingen. Plötzlich war Fahrradfahren wieder eine wackelige Angelegenheit. Aber noch waren die Stützräder ja da und gaben Sicherheit. Einige Zeit später schraubte mein Vater die Stützräder dann noch ein gutes Stück höher, sodass sie weniger eine praktische, sondern wohl eher eine psychologische Funktion hatten. Und dann kam der Tag, an dem die Stützräder ganz demontiert wurden.

Das war nun einerseits schön, machte aber andererseits auch Angst, denn auch wenn die Räder zuletzt nur noch für extreme Schräglagen taugten, fehlte nun eben diese letzte Sicherheit, dass das Rad im Zweifelsfall nicht kippen würde.

Natürlich hat es nicht lange gedauert, und ich hatte mich an das Fahren ohne die Stützräder gewöhnt und freute mich über die neugewonnene Freiheit.

Für mich sind die Stützräder am Fahrrad ein schönes Bild für das, worauf es in der Entwicklung und in der Erziehung eines Kindes wesentlich ankommt: Bei Tauffeiern habe ich Eltern immer wieder gesagt, dass christliche Erziehung vor allem bedeutet, Kinder zu freien, frohen und selbstbewussten Menschen zu erziehen. Vom Lautmalerischen her hätte vielleicht „fromm“ besser als dritter Begriff in diese Reihe gepasst, doch dazu habe ich ja im letzten Gedankensplitter einiges geschrieben.

Aufgabe der Kirche ist es insofern, Menschen auf diesem Weg zu unterstützen. In mancher Hinsicht wirkt die Kirche mit ihren Ritualen und Traditionen dabei wie die Stützräder am Fahrrad – sie gibt Sicherheit und Halt. Und wenn die Kirche das Ziel des Menschen ernst nimmt, frei, froh und selbstbewusst zu werden, dann muss sie das tun, was mein Vater mit den Stützrädern gemacht hat und was gute Eltern in der Erziehung insgesamt tun: sich zurücknehmen, loslassen und vertrauen.

Natürlich wächst mit dem Hochstellen und dem Abmontieren der Stützräder das Risiko, dass ich mitsamt meiner neugewonnen Freiheit eine gründliche Bruchlandung hinlege (und eine dünne Narbe an meinem Arm erinnert mich noch heute an einen unfreiwilligen Ausflug mit meinem Fahrrad in einen Stacheldrahtzaun), doch die Stützräder deshalb dauerhaft am Rad zu lassen ist auch keine Lösung. Meine Eltern haben mir Mut gemacht, auch ohne Stützräder zu fahren und hatten Vertrauen, dass ich es schaffen würde.

In gleicher Weise ist es Aufgabe der Kirche, den Menschen Mut zu machen, ihre eigenen Wege zu gehen und ihre eigenen Entscheidungen zu treffen – das Risiko einer Bruchlandung inklusive.

Und wenn es dann doch genau zu dieser Bruchlandung kommt? Dann sollte die Kirche das tun, was auch Eltern in einer solchen Situation tun: trösten und Mut machen, es weiter zu probieren. In dieser Weise habe ich Fahrradfahren gelernt, und in dieser Weise habe ich zu leben gelernt.

An dieser Stelle kann es nun aber sein, dass sich beim Einen oder Anderen auch Widerspruch regt: Denn ist es nicht oft genug so, dass Bruchlandungen und Scheitern in der Kirche eben nicht zu Trost und neuer Ermutigung führen, sondern zu einer moralischen Verurteilung und womöglich sogar zur Ausgrenzung? Papst Franziskus hat zum Beispiel vor einiger Zeit beklagt, dass die Beichtstühle zu oft als Folterkammern missbraucht werden, in denen Priester als Ankläger, Richter und Vollstrecker in einer Person wirken, statt Trost zu spenden, Wunden zu verbinden und neuen Mut zu geben. Und gerade im Schreiben „Amoris laetitia“ (Freude der Liebe) hat er die Seelsorger dazu aufgerufen, Menschen gerade in schwierigen und kritischen Situationen zur Seite zu stehen und Mut zum Leben zu machen – statt ihnen, um im Bild zu bleiben – das Fahrrad an die Kette zu legen.

Die Kirche tut sich oft schwer damit, das zu tun, was gute Eltern tun, die ihren Kindern zu einem guten Start ins Leben verhelfen wollten. Statt sich zurückzunehmen, mischen Kirchenvertreter sich bisweilen instinkt- und rücksichtslos in die intimsten Lebensbereiche der Menschen ein. Statt loszulassen, wird bisweilen versucht, Menschen in ein enges Netz aus Vorschriften und Regeln einzusperren. In solchen Stellen wird dann sichtbar, dass man zwar die besten Absichten haben mag – den Menschen vor Bruchlandungen zu schützen und Katastrophen zu bewahren – dass es jedoch an etwas Entscheidendem dabei fehlt: das Vertrauen zu den Menschen.

So hat man in der katholischen Kirche lange den Christgläubigen lange Zeit sogar das Lesen der Bibel verwehrt (die Bibel stand auf dem Index der verbotenen Bücher!), damit die Menschen nicht auf falsche Gedanken kommen. Man hat getauften und gefirmten Christen nicht zugetraut, das Wort Christi selbst zu verstehen und im eigenen Leben umzusetzen, wenn nicht erst ein Geistlicher ihnen erklärt, wie dieses Wort gemeint und anzuwenden ist.

Da hat sich in den letzten Jahrzehnten sicher einiges getan, doch auch heute habe ich manchmal das Gefühl, dass von Seiten der Kirchenleitung das Vertrauen in die Menschen und deren Sinn für Richtig und Falsch nicht so ausgeprägt ist, wie es eigentlich sein sollte …

Ich bin heute in der Begleitung, Beratung und Unterstützung von Menschen in sehr schwierigen Lebenssituationen tätig. Mich leitet dabei ein Grundsatz, der mir früher schon als Pfarrer wichtig war: Jeder Mensch ist der beste Experte für sein Leben. Ich kann Beratung, Begleitung und Unterstützung anbieten, doch jeder Mensch ist frei, Entscheidungen zu treffen und den eigenen Lebensweg zu wählen. Das bedeutet auch, dass ich manchmal etwas hilflos daneben stehe, wenn Menschen die Kurve nicht kriegen und wieder und wieder auf der Nase landen. Ihnen zwangsweise Stützräder zu verordnen, ist aber auch keine Lösung.

Frei, froh und selbstbewusst - das ist das christliche Menschenbild. Wer frei ist, kann seinen Weg zu Gott finden – denn Liebe ist ohne Freiheit nicht möglich. Wer froh – das heißt zuversichtlich, hoffnungsvoll und mutig – ist, der kann sein Leben und die Zukunft der Welt gestalten – denn das Reich Gottes ist ohne Zuversicht nicht aufzubauen. Wer selbstbewusst ist, kann sich selbst und andere annehmen – Nächstenliebe und wahre Gemeinschaft sind ohne Selbstbewusstsein nicht möglich.

Wenn die Kirche also immer wieder neu lernt, sich zurückzunehmen, loszulassen und vor allem zu vertrauen, wird sie ihre wichtigsten Aufgaben erfüllen: Gottes Liebe sichtbar zu machen, das Reich Gottes in dieser Welt aufzubauen und eine Gemeinschaft der Nächstenliebe zu bilden – eine Gemeinschaft aus freien, frohen selbstbewussten Menschen, die dem Evangelium ein Gesicht, eine Stimme und vor allem eine lebendige Seele geben.

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