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Das Gleichnis von den zwei Schwestern

Veröffentlicht am 03.09.2017

Mit der Gerechtigkeit und der Barmherzigkeit ist es wie mit zwei Schwestern, die im selben Haus lebten. Die ältere von ihnen war Töpferin und schuf mit ihren Händen alle Gefäße, die die Menschen zum täglichen Leben brauchten. Die jüngere half ihrer Schwester und bemalte Vasen, Teller und Becher mit bunten Farben. So waren sie hoch geachtet bei den Menschen und jeder kaufte gerne in ihrem Laden ein.

Eines Tages kam Ben Sadok zum Laden der Schwestern. Ben Sadok war ein griesgrämiger Mann, der alles Schöne, Gute und Vollkommene hasste und stets nach Wegen suchte, es zu zerstören.

Als er zum Haus der beiden Schwestern kam und in der Auslage die bunten Gefäße sah, wurde er von heftigem Widerwillen gepackt, und am liebsten hätte er alles zerschmettert. Doch da er wusste, dass ein solcher Erfolg nur von kurzer Dauer wäre, da die Schwestern ja wieder neue, womöglich noch schönere Töpferwaren herstellen würden, sann er nach einem anderen, besseren Weg, sein böses Werk zu vollbringen. Da kam ihm eine Idee …

… Als Ben Sadok nämlich sah, dass die ältere der Schwestern alleine an der Töpferscheibe saß und arbeitete, die jüngere Schwester aber hinter dem Haus in der Sonne saß und malte, trat Ben Sadok zuerst zur älteren der Schwestern. Er lobte sie für ihr Geschick und sagte: „Ich sehe, dass du eine echte Künstlerin bist – doch stört es dich nicht, dass die Menschen immer nur die Blumen und bunten Muster loben, die deine Schwester auf deine Gefäße malt? Mir scheint, dass dein Werk diesen bunten Zierrat doch gar nicht nötig hat und für sich alleine stehen kann.“

Da fühlte die ältere Schwester einen Stich in der Brust und dachte: Ben Sadok hat recht. Ich bin nur dazu da, die Grundlage zu schaffen, damit meine Schwester ihre Kreativität ausleben kann. Dass ich jeden Tag hier in der dunklen Kammer viele Stunden mit schmerzendem Rücken hier sitze und schufte, wird gar nicht gesehen. Stattdessen laufen die Leute draußen bei meiner Schwester vorbei und bewundern ihre Kunstfertigkeit.

Als Ben Sadok sah, dass der Same der Zwietracht auf fruchtbaren Boden gefallen war, ging er hinaus zur jüngeren Schwester, lobte auch sie für ihre Malerei und sagte: „Ich sehe, dass du eine echte Künstlerin bist – doch stört es dich nicht, dass du nur auf den Gefäßen malen darfst, die deine Schwester herstellt? Mir scheint, dass du dadurch sehr eingeschränkt bist und deine Kunst sich niemals wirklich entfalten kann.“

Da fühlte auch die jüngere Schwester einen Stich in der Brust und dachte: Ben Sadok hat recht. Ich könnte so viel mehr erreichen, wäre ich nicht an meine ältere Schwester gefesselt. Ich bin von ihr abhängig und darf nur verzieren, was sie mir gibt. Was für eine Verschwendung!

Ben Sadok sah, dass auch bei der jüngeren Schwester der Same der Zwietracht aufgegangen war. Er ging fröhlich fort, denn er wusste, dass das Werk der Zerstörung, das er angerichtet hatte, weitaus vollkommener war, als wenn er nur die Gefäße zerschlagen hätte.

Denn die beiden Schwestern mochten nun nicht mehr zusammenzuarbeiten. Die Ältere mochte der Jüngeren nicht länger ihre Werkstücke anvertrauen und suchte sie alleine zu verkaufen. Der Jüngeren war das nur Recht, denn sie suchte nach neuen Wegen sich zu verwirklichen. Sie sprachen auch kaum mehr miteinander, und wenn doch, dann machten sie sich gegenseitig Vorwürfe.

Nicht lange Zeit später zog die jüngere Schwester aus und suchte ihr Glück in der weiten Welt, während die ältere zu Hause blieb und dort weiter arbeitete.

Aber nun zeigte sich, welchen Schaden Ben Sadok angerichtet hatte. Denn wohl war das handwerkliche Geschick der älteren Schwester weiterhin von den Menschen geschätzt, doch verkaufte sie weniger Waren als früher, denn die Leute sagten: „Ihr Handwerk ist solide, doch es fehlt ihr das gewisse Etwas, das ihre Waren einzigartig macht!“ Und die jüngere Schwester war zwar überall gerne gesehen und ihre Bilder wurden geschätzt, doch in schweren Zeiten hatten die Menschen kein Geld übrig für Sachen, die zwar schön waren, denen jedoch der Nutzen im Alltag fehlte.

Da erkannte eines Tages die ältere Schwester, wie wertvoll die Kunst ihrer jüngeren Schwester für ihre Arbeit gewesen war. Und als sie das erkannte, da verschwand der Neid, den sie auf die Kunst ihrer Schwester gehabt hatte. Und sie ging hinaus auf die Straße, um ihre Schwester zu suchen.

Sie brauchte nicht lange zu suchen, denn auch die jüngere Schwester hatte erkannt, dass sie ihre Kunst nur dort zur Vollendung führen konnte, wo die kundigen Hände ihrer Schwester den Grund bereitet und geeignete Gefäße dafür geformt hatten. Darum war sie umgekehrt und hatte sich auf den Weg nach Hause gemacht.

Als sie sich sahen, fielen sie sich auf der Straße in die Arme und kehrten gemeinsam in ihr Elternhaus zurück, wo sie von nun an wieder gemeinsam arbeiteten.

Man sagt, wer von den Tellern esse und aus den Bechern trinke, die die beiden Schwestern geformt und bemalt hatten, in dessen Haus ziehe das gleiche Glück ein, in dem die beiden selbst von nun an lebten.

Ben Sadok aber, der eines Tages wieder am Haus der Schwestern vorbei kam, musste verbittert erkennen, dass sein Plan gescheitert war, denn die beiden Schwestern hatten sich nicht entzweien lassen. Und das war gut so.

 

Dieses kleine Gleichnis wurde inspiriert von einem Satz des heiligen Thomas von Aquin:

„Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit ist Grausamkeit, Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit ist die Mutter der Auflösung.“

 

Ich musste an dieses Zitat denken angesichts mancher innerkirchlichen Debatten dfer letzten Jahre, in denen Gerechtigkeit und Barmherzigkeit immer wieder gegeneinander ausgespielt und gegeneinander in Stellung gebracht werden – als könnte die eine ohne die andere sein. Das Besondere der christlichen Vorstellung von der Gerechtigkeit ist ja gerade, dass sie nicht stur nach Recht und Gesetz vorgeht, wie es die Pharisäer und Schriftgelehrten zur Zeit Jesu praktizierten, die von Jesus daran erinnert werden mussten, wie grausam eine solche Haltung sein kann („Wenn euer Kind am Sabbat in einen Brunnen fällt – zieht ihr es dann nicht sofort heraus?“), sondern dass Gerechtigkeit als Erkennungszeichen des Reiches Gottes (Paulus: „Das Reich Gottes ist Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist!“) immer auch die Barmherzigkeit Gottes mit sich bringen muss, durch die die Gerechtigkeit in die Lebendigkeit der Liebe eintaucht und vollendet wird. Umgekehrt ist Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit zwar eine hübsche Sache, doch fehlt ihr ohne die Gerechtigkeit der Grund, in der sie wurzeln und sich zur wahren Schönheit entfalten kann. Barmherzigkeit hebt die Gerechtigkeit nicht einfach auf und macht sie überflüssig, vielmehr verweist sie immer wieder neu auf die Grechtigkeit und weitet die Herzen der Menschen, damit sie nicht blind werden und mit erstarrten Herzen leben, sondern die wahre Gerechtigkeit suchen, die in der Liebe Gottes ihren Ursprung hat.

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