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Der Ort, wo Himmel und Erde sich berühren

Veröffentlicht am 25.05.2017

Auf einer Anhöhe über dem Lager Plaszow liegt die Villa von Kommandant Amon Göth. Wenn der Hausherr auf den Balkon tritt, um auf sein kleines Reich zu schauen, in dem er auch Herr über Leben und Tod ist, dann wird es für die Lagerinsassen lebensgefährlich: Denn regelmäßig greift Amon Göth zum Karabiner und nimmt die Häftlinge des Konzentrationslagers ins Visier. Meist erschießt er Menschen, die nicht schnell genug oder gar nicht arbeiten. Manchmal aber tötet er auch völlig willkürlich. Es gibt keine Regel, an die man sich halten könnte, um dieser Willkür zu entgehen. Göth mordet – schlicht weil er es kann.

Mit einem Trick versucht eines Tages Oskar Schindler, diesem willkürlichen Morden Einhalt zu gebieten, indem er am Beispiel der römischen Caesaren deutlich macht, dass wahre Macht sich nicht im Töten der vermeintlich Schuldigen zeigt, sondern in der Option zur Gnade. Die Caesaren hatten alles Recht, Verbrecher zu töten, und diese hatten nichts anderes zu erwarten als den Tod, doch indem sie den Todgeweihten das Leben schenkten, zeigten die Caesaren Macht in Vollkommenheit.

Wer den Film „Schindlers Liste“ gesehen hat, weiß, dass dieser Trick nur begrenzt funktioniert. Für kurze Zeit gefällt sich der Lagerkommandant in der Rolle des barmherzigen Herrschers, doch bald schon gewinnen Grausamkeit und die Lust am Töten wieder die Oberhand. Die Gnade weicht der Willkür.

Unsere Welt ist – der Mensch ist im Umgang mit Seinesgleichen oft genug gnadenlos.

Wie ist das eigentlich mit Gottes Gnade?

Wenn wir in die Menschheits- und insbesondere in die Religionsgeschichte schauen, dann stellen wir fest, dass ein nicht unerheblicher Bestandteil religiöser Praxis darauf zielt, die jeweils verehrte Gottheit gnädig zu stimmen und dem Zorn der Gottheit zu entgehen. Man könnte sagen: ein nicht unerheblicher Teil des Glaubenslebens entspringt der Angst der Menschen genau vor diesem Zorn Gottes und dem aus dieser Angst resultierenden Versuch, sich die Gnade Gottes irgendwie doch zu sichern. Die Wege dazu mögen verschieden sein – das Darbringen von Opfern, das Befolgen eines komplexen Systems von Geboten und Verboten – das Ziel ist das gleiche: einen gnädigen Gott finden.

Sollte das bei den Christen nicht anders sein?

Eigentlich ja. Aber wie das bei Sätzen mit „eigentlich“ am Anfang so ist, sieht die Wirklichkeit oft anders aus. Ein Blick in die Kunst- und Glaubensgeschichte der Christenheit belegt das traurig eindrucksvoll. Im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit werden an vielen Orten Schutzmantelmadonnen aufgestellt oder in Kirchenräumen gemalt. Die Menschen flüchten sich unter den Mantel der Madonna vor Krieg, Pest und Elend. Doch manche Darstellungen zeigen nun auch, dass die Menschen eine sehr konkrete Vorstellung davon hatten, woher diese Bedrohungen kamen: von Gott selbst. Der sitzt im Himmel und schleudert – nicht unähnlich dem Göttervater Zeus der Griechen – glühende Pestpfeile auf die Menschen.

Gott, der Zornige, der die Menschheit straft – und das womöglich sogar völlig willkürlich. Wenn man die Pest als Strafe Gottes verstand, dann wurde natürlich schnell sichtbar, dass die Pest auf besonders fromme Menschen keine Rücksicht zu nehmen pflegte. Das machte in der Glaubenserfahrung der Menschen Gott unberechenbar und zu einem Herrscher voller Willkür, der zwar zur Gnade fähig, aber in seinem Zorn womöglich nicht zur Gnade gewillt war. Gott, der Herr über die Lebenden und die Toten, war – so schien es – kein Freund der Menschen, sondern ein Herrscher, vor dem man sich in Acht nehmen musste.

Nun mag man einwenden: Na ja, spätes Mittelalter eben. Da sind wir doch heute weiter!

Wirklich?

„Gott ist ein Kind, das mit einem Brennglas auf einem Ameisenhaufen sitzt – und ich bin die Ameise.“ So klagt Bruce Nolan im Film „Bruce allmächtig“ über die Ungerechtigkeit des Lebens und über den, der in seinen Augen dafür verantwortlich ist: nämlich Gott höchstpersönlich.

Aber nicht nur der Blick nach Hollywood, sondern auch ein kritischer Blick auf die Glaubenspraxis unserer Zeit macht deutlich, dass wir die simple und daher so gefährliche Logik aus Belohnung und Strafe und auch die dahinter lauernde Angst vor der Willkür Gottes noch längst nicht hinter uns gelassen haben.

Wenn etwa ein kirchlicher Würdenträger den großen Tsunami von 2004 als Strafe Gottes für die moderne Lebensweise bezeichnet, wenn einige fromme Christen angesichts eines im Gartenteich ertrunkenen Dreijährigen davon sprechen, das sei die Strafe Gottes für die Scheidung der Eltern, wenn ein Priester den Krebstod eines früheren Mitbruders kurz nach dessen Ausscheiden aus dem kirchlichen Dienst mit den Worten kommentiert: „Da kann man sehen, was Gott mit Priestern macht, die ihre Versprechen brechen“, dann scheint es doch mit dem Glauben an den Gott der Liebe nicht allzu weit her und die Angst immer noch groß zu sein.

Und es ist zumindest eine Nachwehe alter und eigentlich überholter Glaubensvorstellungen, wenn in wenigen Wochen die Wallfahrer auf dem Fuldaer Domplatz wieder aus tausenden Kehlen ihr Lied an den heiligen Bonifatius richten: „Still Gottes Zorn, wenn er uns droht, zu strafen unsre Sünden!“ Was wir sprechen und singen – und sei es nur aus Tradition, das prägt auch unser Denken. Darum habe ich mich immer geweigert, diese letzte Strophe des Bonifatiusliedes mitzusingen (und habe sogar vor einigen Jahren einige alternative Strophen verfasst). Denn ich bin der festen Überzeugung, dass dieses Bild des zornigen Gottes ein Zerrbild ist, das auch unser Denken und unseren Glauben verzerrt.

Mir ist an dieser Stelle gelegentlich erwidert worden, dass auch das Gegenbild eines immer lieben, netten und letztlich harmlosen Gottes ein Zerrbild darstelle, das Gott nicht ernst nehme. Da ist etwas dran: Ich glaube auch, dass wir Gottes Liebe ernst nehmen müssen – aber nicht, weil sie jederzeit entzogen und in Zorn umschlagen kann, weil sie also begrenzt ist, sondern vielmehr und gerade, weil diese Liebe unbegrenzt, bedingungslos und unerschütterlich ist. Wir Menschen müssen uns diese Liebe nicht erkämpfen oder über alle möglichen Praktiken sicherstellen, dass wir sie nicht doch verlieren, Gott die Maske der Liebe fallen lässt und wieder der alte, zürnende Gott vor uns steht.

Denn Gottes Gnade ist eben nicht die Gnade der römischen Caesaren, die aus der Macht entspringt, Leben zu nehmen oder zu schenken, ganz wie es beliebt. Gottes Gnade ist nicht herablassend, gewährt oder entzogen mit dem Wink eines Daumens, unendlich überlegen und unberührt vom Schicksal und vom Leid der Menschen. Gottes Gnade ist ganz anders.

Am Fest Christi Himmelfahrt endet der irdische Weg Jesu, doch der Weg des Evangeliums geht weiter und schreibt sich in den Lebensgeschichten der Christen in aller Welt weiter – überall da, wo inmitten einer gnadenlosen und heillosen Welt sich Lebensgeschichte in ein kleines Stück Heilsgeschichte verwandelt und inmitten des grauen Alltags das Reich Gottes hervorschimmert, also überall da, wo Gottes Geist die Menschen durchdringt. Darum soll der Blick der Jünger an diesem Tag nicht auf den fernen Himmel gerichtet sein, sondern hinein in diese Welt und hin zu den Menschen, in denen Christus gegenwärtig bleibt.

Durch Jesus ist die Liebe Gottes unter uns sichtbar geworden, ist das, was wir Gnade nennen, begreifbar geworden. Gnade im christlichen Sinne ist nicht herab-lassend wie die Gnade der Caesaren und sie ist nicht willkürlich. Im Evangelium wird dies in den vielen Begegnungen Jesu mit den Ausgestoßenen und Kranken seiner Zeit sichtbar. Die Heilungen, die durch Jesus geschehen, sind Zeichen für den Willen Gottes, dass der Mensch gesund, heil und ganz wird. In der Bergpredigt und in den Gleichnissen ruft Jesus die Menschen zu einem Leben, das seinem eigenen und dem Wesen des Vaters entspricht. In letzter Konsequenz zeigt Jesus am Kreuz, wie ernst es ihm mit dieser Botschaft ist.

Und gerade dort, wo Jesus den Tiefpunkt jeder menschlichen Existenz im Leiden und im Tod selbst durchschreitet, wird unübertroffen sichtbar, dass Gnade im christlichen Sinne eben nichts ist, das von oben zugeteilt wird von einem Herrscher, der über den Dingen thront und selbst vom Leid unberührt bleibt. Gnade im christlichen Verständnis ist die Begegnung von Gott und Mensch mitten im Leid.

Diese Begegnung dürfen wir tatsächlich nicht auf die leichte Schulter nehmen, denn wie ernst es Gott selbst mit der Gnade ist, wird allein schon dadurch sichtbar, dass die Spuren des Kreuzestodes durch die Auferstehung nicht ausgelöscht werden, sondern gerade die Wunden zum Zeichen werden, an dem die Jünger ihn erkennen und zum Glauben kommen. Gott bleibt nicht unberührt von Leid und Tod, die Liebe hinterlässt bleibende Spuren – sogar im Wesen Gottes selbst.

In jeder Eucharistiefeier haben Christen Anteil an diesem Geschehen. Und darum ist die Eucharistie Quelle und Höhepunkt allen kirchlichen Handelns, wie das Zweite Vatikanum sagt. Tod und Auferstehung Christi bezeichnen den Wendepunkt jeder menschlichen Geschichte, den Punkt, an dem Himmel und Erde sich berühren, den Punkt, an dem die Gnade Gottes sichtbar wird. Die Eucharistie ist Quelle, weil von diesem Wendepunkt, wo Gott und Mensch sich im Abgrund begegnen, das Leben des Menschen eine neue Richtung nimmt. Und die Eucharistie ist Höhepunkt, weil es nichts Bedeutenderes gibt, als diese Begegnung als Befreiung, Erlösung und Auferstehung des Menschen schon hier und jetzt zu feiern.

Darum muss die Eucharistie bewahrt und geschützt werden – jedoch nicht, wie es zu oft noch geschieht, vor den vermeintlichen Sündern, die in den Augen mancher frommer Christen unwürdig sind, daran teilzuhaben. Die Eucharistie muss geschützt werden vor jenen, die anderen Menschen diese Begegnung mit Christus verweigern wollen und die Eucharistie zu einem Mittel machen, mit dem man die Frommen belohnen und die Sünder bestrafen kann. Denn Christus hat uns dieses Zeichen hinterlassen, damit der Mensch gerade in der äußersten Not, gerade in der tiefsten Verzweiflung, gerade in der schwärzesten Nacht des Glaubens dem begegnen kann, durch den Tote zu neuem Leben auferstehen – mitten im Hier und Jetzt, mitten in einer scheinbar gnadenlosen Welt. Der Ort, wo Himmel und Erde sich berühren, ist überall dort, wo Christus in dieser Weise dem Menschen begegnet, berührt und mit seinem Leben erfüllt.

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